Orchestral und doch eigenständig


<p>Allen Ernstes fragt man sich, warum manche Werke nicht längst der Öf-fentlichkeit präsentiert wurden. Gibt es irgendwelche Giftschränke, in denen sie gelagert werden? Natürlich nicht. Seit dem Jahr 2010 geht das Klavierduo Eckerle immer wieder ins Aufnahmestudio, um Klavierwer-ke Robert Schumanns in vierhändigen Fassungen festzuhalten, darunter Werke, wie sie so noch nie festgehalten wurden. Zu diesen Ersteinspie-lungen zählt auch Folge fünf des ehrgeizigen Unternehmens. Zu hören sind die Sinfonien Nummer eins und vier (nachdem die Zweite bereits auf Vol. 4, die Dritte in Carl Reineckes Bearbeitung, von Schumann revidiert, auf Vol. 3 erschienen war). Die Bearbeitung der ersten Sin-fonie entstand ab Januar 1842 in Form einer Gemeinschaftsarbeit mit Clara. Da Schumann zu dieser Zeit kränkelte, war die Gattin in diese „verdammte“ (Originallaut aus einen internen Aufzeichnungsbuch der Schumanns) Aufgabe involviert. Die vierte Sinfonie erschien 1853 zu-nächst mit den einzelnen Stimmen und anschließend in einer vierhändi-gen Fassung durch den Komponisten im Druck. Erst danach folgte die komplette Partitur-Ausgabe. Bei vierhändigen Klavierfassungen handelt es sich keineswegs um histo-rische Fußnoten, wie man heute leichthin annehmen könnte, sondern um wesentliche Beiträge des damaligen Musiklebens. Bei einigen Kom-ponisten dienten die Klavierfassungen als Vorstufe der späteren Orche-strierungen (teilweise etwa bei Johannes Brahms), zugleich waren sie in Zeiten mangelnder Tonaufzeichnungen ein wesentliches Mittel zur Ver-breitung und Bekanntmachung. Und immer standen die Komponisten (oder ihre meist weniger populären Bearbeiter) vor der Herkulesaufgabe: Wie richtet man eine Orchesterpartitur so ein, dass sie einerseits spielbar ist und andererseits dem Original möglichst nahekommt. Einzig Franz Liszt hat sich bei seinen Transkriptionen, etwa im Fall der Beethoven-Sinfonien, nie um Spielbarkeit für Normalbegabte gekümmert Das Klavierduo Eckerle ist nun also dabei, bei Robert Schumann ein Äquivalent zur CD-Edition der Brahms-Bearbeitungen mit dem Duo Sil-ke-Thora Matthies und Christian Köhn (ebenfalls Naxos) zu vollenden. 451Auch bei den hier dokumentierten Sinfonien spielt das Duo mit viel Verve, rhythmischer Prägnanz und genauem Gespür für die Stimmverteilungen. Schon die bisherigen Einspielungen der beiden Pianisten haben ein tiefes Schumann-Verständnis offenbart, das ist nun nicht anders. Man könnte allenfalls mit erhobenem Zeigefinger einige Stellen aufdecken, in denen mehr Klangfarbe, ein emphatischerer Gestus oder ein schnelleres Tempo da, wo Schumann „Lebhaft“ fordert, möglich gewesen wären. Doch das würde den Rang dieser Aufnahme nicht grundlegend schmälern. Die Mischung aus Gelassenheit und Nervosität im Scherzo der Ersten, die suchende Innigkeit in der Romanze der Vierten – das wird hier auf glaub-hafte Weise eingefangen. Die Einleitung zum Finale der d-Moll-Sinfonie wabert geheimnisvoll und dunkel, das Klavier-Tremolo schwillt mehr und mehr an, bis sich der schnelle Teil mit prägnanter Artikulation Bahn bricht. Hier erkennt man, dank des beinahe stolpernden Rhythmus, viel von dem Schumann, der in jungen Jahren am Klavier seine unverkennba-re Klangsprache entwickelt hat. Dem Klavierduo geht es viel um Klarheit, um die Betonung einer Eigenständigkeit des Klavierparts und nicht um eine lediglich nachahmende Imitation von Orchesterinstrumenten. So ist dieses gleichermaßen interessante wie lohnende Gesamtprojekt um eine wichtige Etappe reicher. Auch aufnahmetechnisch vermag die ange-nehm räumlich-natürlich klingende Produktion zu gefallen. Ein heimli-cher Wunsch bleibt am Ende dann doch: Wie mögen diese Klavierfassun-gen klingen, wenn sie auf einem historischen Flügel der Schumann-Zeit gespielt werden? Aber vielleicht trägt diese Edition ja auch zu größerer Neugierde bei anderen Pianisten bei</p>